• Themen: Veranstaltung
  • Datum: 29.01.2026

Zwischen Grauen und Hoffnung: Das neuaufgelegte Tagebuch von Renata Laqueur

Eine Veranstaltung in der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek zum Internationalen Holocaust-Gedenktag erinnert an Renata Laqueurs Tagebuch.

Willem Bisseling und Saskia Goldschmidt im Vortragssaal (v.l.n.r.)
Willem Bisseling und Saskia Goldschmidt stellen die Neuedition von Renata Laqueurs Tagebuch im Vortragssaal der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek vor (Foto: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten 2026)

Bis auf den letzten Platz war der Vortragssaal der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek am frühen Dienstagabend belegt, als Saskia Goldschmidt die deutsche Übersetzung der von ihr herausgegebene Neuedition des Tagebuchs der Bergen-Belsen-Überlebenden und Literaturwissenschaftlerin Renata Laqueur vorstellte. Den Auftakt machten Anne May, Direktorin der Bibliothek sowie Dr. Akim Jah, der Leiter der Abteilung Forschung und Dokumentation der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Beide mahnten eindringlich, dass auch 81 Jahre nach Kriegsende der Kampf gegen Antisemitismus notwendig bleibt.

Als Tochter von Renatas erstem Ehemann Paul Goldschmidt, der ebenfalls in Bergen-Belsen inhaftiert war, war Saskia – wie so viele Kinder von Holocaustüberlebenden – mit der Sprachlosigkeit der Eltern konfrontiert. Zugleich war das erlebte Grauen im Alltag gegenwärtig. Ihr Vater Paul verwies immer auf die Tagebücher seiner Ex-Frau, wenn Saskia Genaueres über die Umstände im Konzentrationslager wissen wollte. 

Renata und Paul wurden von den Nazis als Juden verfolgt und im März 1944 aus den Niederlanden nach Bergen-Belsen verschleppt. Da sie über südamerikanische Pässe verfügten, kamen sie in das „Austauschlager“ des KZ Bergen-Belsen. Dort wurden jüdische Personen inhaftiert, von denen sich die SS und das Auswärtige Amt des „Dritten Reiches“ versprach, diese als Verhandlungspfand einsetzen zu können. Daher waren sie von einer Vernichtung zunächst ausgenommen. In der Folge waren die Haftbedingungen anfangs daher etwas besser, als in Konzentrationslagern üblich. Die „Austauschhäftlinge“ konnten auch persönliche Gegenstände mit ins Lager bringen, was begünstigte, dass Tagebücher und andere persönliche Dokumentation der Haftbedingungen entstanden sind – trotz Verbot.  Daher sind aus Bergen-Belsen verhältnismäßig viele Tagebücher von ehemaligen Häftlingen überliefert.

Doch mit der nahenden Kriegsniederlage der nationalsozialistischen Deutschen verschlechterten sich auch die Bedingungen im KZ Bergen-Belsen rapide, insbesondere durch Auflösungen von Lagern in den Frontgebieten und damit einhergehenden Räumungstransporten der dort Inhaftierten in das Kerngebiet des Deutschen Reiches. Das Konzentrationslager war völlig überfüllt und epidemische Krankheiten breiteten sich aus. Ein Massensterben war die Folge. Die SS entschied noch kurz vor Kriegsende das Austauschlager zu räumen und die jüdischen Geiselhäftlinge in drei Zügen in das Ghetto Theresienstadt zu verschleppen. In einem der Züge befanden sich auch Renata und Paul. Dieser Zug erreichte das vorgesehene Ziel nicht, sondern wurde bei Tröbitz im heutigen Bundesland Brandenburg von der Roten Armee befreit.

Renatas Tagebuch hält all diese Ereignisse fest. Jedoch konnte einiges, wie die Deportation kurz vor Kriegsende erst danach aus der Erinnerung aufgeschrieben werden. Entstanden ist ein eindrucksvolles Zeitzeugnis, was den Überlebenswillen einer bemerkenswerten Frau dokumentiert. Gerahmt mit einer Einführung durch Bernd Horstmann aus der Abteilung Forschung und Dokumentation der Gedenkstätte, erzählte Saskia im Gespräch mit ihrem niederländischen Literaturagenten Willem Bisseling, welche Bedeutung Renatas Tagebuch angesichts der Sprachlosigkeit ihres Vaters für sie hat. Ausgewählte Passagen, die von der Herausgeberin selbst vorgetragen wurden, veranschaulichen die Umstände, unter denen Renata und Paul inhaftiert waren.  Paul selbst hatte Renatas Überlebenswillen und Organisationsgeschick sein Leben zu verdanken.

Bemerkenswert ist, dass Renata in all der Zeit immer noch in der Lage war, Schönheit in Details sinnlich wahrzunehmen – auch dies half ihr wohl, das Grauen zu überleben. Die Veranstaltung schloss mit einer Passage aus dem Tagebuch: Renata und Paul befanden sich im Zug nach Theresienstadt, der auf der Irrfahrt durch das zerbombte Deutsche Reich mehrmals zum Stehen kam. Das ermöglichte es Renata, in einer Ortschaft nach Essen zu fragen. 

Sie schilderte, was sie vorfand:

„Ich stand ganz still da in dem fremden Garten vor dem Haus der fremden Deutschen. Seit drei Jahren war es das erste Haus, das ich in seinem Frühlingsschmuck sah. Ich trank in tiefen Zügen die Stille, die Ruhe und die Sinnlichkeit, spürte keinen Hunger und keine Müdigkeit mehr. Es gab so viele Blumen.

Unten öffnete sich eine Tür. Eine alte Frau in einem blauen Baumwollkleid mit einer schwarzen Schürze vorgebunden kam mit einem Eimer und einem Aufwischlappen nach draußen. Sie wollte Wasser holen. Da sah sie mich bei der Pumpe unter den weißen Blüten des Birnbaums stehen. Sie schaute mich an, erschrak aber nicht und kam näher. Ich sagte »Guten Morgen«, entschuldigte mich dafür, in den fremden Garten eingedrungen zu sein, und versuchte ihr zu erklären, weshalb ich gekommen sei. Ich erkannte gleich, dass diese Frau meine Geschichte mit dem Zug, in dem mehr als 2.000 Menschen aus einem Konzentrationslager mit Typhus, Hunger und in Elend sitzen, nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Allerdings leuchtete etwas in ihren Augen auf, als ich sagte: »Mein Mann liegt im Sterben.« Sie hörte nur halb zu und sagte plötzlich: »Ja, was wollen Sie? Sagen Sie’s schnell. Ich will Ihnen ja was geben, aber es darf niemand sehen. Die hier sind von der Partei. Hier der Herr ist bei der SS. Er ist Hauptsturmführer!«  Hätte es schlimmer kommen können? Da war ich bei der SS höchstpersönlich zu Besuch! Ich lächelte in mich hinein und sagte: »Kartoffeln. Brot. Alles, was Sie haben.«

Sie kam mit Kartoffeln, die sie schnell in mein rotweißes Handtuch schüttete. Ich knotete es zusammen. »Hier haben Sie noch ’ne Zwiebel, aber gehen Sie jetzt!« Sie hatte Angst, Todesangst, vor ihrem Hauptsturmführer. Angst, ein paar Tage vor dem Ende. Ich hatte keine Angst. Ich war glücklich. Ich bedankte mich und ging langsam den Weg zum Zaun zurück. Da stand das Haus mit dem hellen Blümchenvorhang, den Narzissen, roten Tulpen und weißen Blütenzweigen. Gleich würde der Hauptsturmführer unten in dem großen Raum mit den Glastüren frühstücken. Brot mit Butter, Kaffee, Marmelade. Was kümmerte es mich. Ihm würde es schon noch schlechter ergehen, und ich hatte eine Mahlzeit, vielleicht sogar zwei. Kartoffeln mit Zwiebeln. Paul würde nicht sterben.“

Weitere Informationen zum Buch

Das Buch ist für 24 Euro im Buchshop der Gedenkstätte sowie über den Onlineshop erhätlich. Außerdem stellt der Wallstein-Verlag eine eBook-Version Open Access zur Verfügung.

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