• Themen: Aufruf
  • Datum: 17.06.2026

Antiziganistische Kontinuitäten: Braunschweiger Sinti*-Siedlung in Gefahr

Die Siedlung am Ölpersee in Braunschweig, in der mehrheitlich Sinti*-Familien wohnen, ist bedroht sukzessive abgebaut zu werden. Derzeit soll es für die in der Siedlung wohnhaften Menschen nur eine personenbezogene Duldung geben. Das heißt in Zukunft würden also sämtliche Bewohner*innen einer ganzen historisch gewachsenen Siedlung nach und nach ihr Zuhause verlieren! So zumindest der Plan der Stadt Braunschweig, mit der Begründung einer vermeintlichen Hochwassergefahr und einer Bebauung ohne Genehmigung. Der Abriss der ersten Häuser soll in ein bis drei Jahren beginnen.

zu sehen sind Braunschweigs Rathaus mit Zinnen und ein Marktplatz, sowie die bekannte Löwenstatue am Domplatz

Im Folgenden möchten wir, die Kompetenzstelle gegen Antiziganismus der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, die bereits erschiene Pressemitteilung und Position des Niedersächsischen Verbandes deutscher Sinti e.V. unterstützen und uns mit den Interessen der Siedlung Ölpersee solidarisieren.

Zur Geschichte

Die Siedlung am Ölpersee ist bereits vor dem zweiten Weltkrieg bebaut worden und zwar auf einem den damaligen Sinti* zugewiesenen Gelände. Bereits hier wurde eine historische Praxis der gezielten Ausgrenzung durchgeführt, die durch über Jahrhunderte gewachsenen Antiziganismus entstanden ist. Im NS-Regime wurden Sinti* und Roma* gezielt rassistisch verfolgt und ermordet. 

Nach Ende des zweiten Weltkrieges und dem Sieg der Alliierten über das NS-Regime kehrten Holocaust-Überlebende Sinti* in die Siedlung am Ölpersee zurück und suchten Schutz und Gemeinschaft. Denn: Die Diskriminierung ging weiter (auch zweite Verfolgung genannt). Keine Entschädigung, kein Schutz durch die neu gegründete Bundesrepublik. Schlimmer noch: Sinti* und Roma* konnte in den 1960ern und -70ern u.a. weiterhin der Zutritt zu Geschäften verboten werden, zur Niederlassung, zum Wohnen. Die Anerkennung Deutschlands des Völkermordes an Sinti* und Roma* erfolgte erst 1982.

Antiziganismus und Wohnen heute

Heute bedroht antiziganistische Diskriminierung und Ausgrenzung weiterhin alle Lebensbereiche von Sinti* und Roma*, besonders auch die Bereiche Bildung, Wohnen und Arbeit. So gab es alleine in letztem Jahr bundesweit 903 gemeldete Fälle von antiziganistischer Diskriminierung im Bereich Wohnen (MIA Bericht 2026 „Antiziganismus und Wohnen“). Es ist folglich gewiss kein Einzelfall, dass Sinti* und Roma* durch strukturelle Diskriminierung in prekäre Wohnsituationen gedrängt werden, um dann aufgrund von Baurecht oder Brandschutzgefahr wohnungslos gemacht zu werden, wie Situationen in anderen deutschen Städten wie Duisburg und Dortmund zeigen (siehe MIA Bericht 2026 „Antiziganismus und Wohnen“). Um den Wohnraum der Siedlung für künftige Generationen erhalten zu können, fordern die Bewohner*innen der Siedlung am Ölpersee von der Stadt Braunschweig deshalb nun eine grundstücksbezogene Duldung. Diese würde bedeuten, dass die Menschen ihre Häuser auch zukünftig nutzen und nachfolgenden Generationen vererben können. Derzeit leben die Anwohnenden in ständiger Angst vor weiteren Schritten seitens der Stadt. Finanzielle Mittel für einen rechtlichen Beistand, der die Siedlungsbewohner*innen vertritt, gibt es nicht.

Diese Angst, die sich aus jahrhundertelanger struktureller Diskriminierungserfahrung ergibt, ist nicht zumutbar. Die Sinti*-Familien der Siedlung haben sich nach dem zweiten Weltkrieg und dem Völkermord ihr Leben neu aufbauen müssen und leiden bis heute unter dem fortwährenden Antiziganismus in Deutschland. Die Siedlung am Ölpersee ist somit nicht nur ein Wohnort, sondern auch ein Schutzraum und ein Erinnerungsort. Dieser Schutzraum und Erinnerungsort muss bestehen bleiben! 

Deshalb rufen wir dazu auf, folgende, von Anwohnerin Andrea Holub gestartete, Petition zu unterschreiben.

Gerade in der aktuellen politischen Lage in Deutschland, in der Minderheiten immer mehr in Bedrängnis geraten und Schutzräume verlieren, muss die Zukunft der Siedlung am Ölpersee gesichert werden!

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