Die rassistische Fremdbezeichnung ausgerechnet in einem Kontext wie dem Dortmunder Karneval zu nutzen, das eigentlich zusammenführen statt spalten soll, macht einmal mehr deutlich, wie gering das Bewusstsein für Antiziganismus und die jahrhundertelange Geschichte der Verfolgung, Diskriminierung, Ausgrenzung und letztlich der systematischen Vernichtung der Minderheit, unter dem NS-Regime, in der deutschen Gesellschaft ist. Wenn Rassismus unter dem Deckmantel des vermeintlichen Humors legitim erscheint, dann ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem. Glücklicherweise gab es prompt Gegenstimmen und Kritik an dem rassistischen Motto der Karnevalsgesellschaft. Politiker*innen, Aktivist*innen und verschiedene Organisationen äußerten sich bereits kritisch und empört über das Motto. Sodass die Karnevalsgesellschaft eine Stellungnahme veröffentlichte und sich entschuldigte.
Die Stellungnahme der Karneval- und Theatergesellschaft „Deutsche Bühne 1878“ greift an einigen Stellen zu kurz und reflektiert die Implikationen dieses Mottos und dessen tiefgreifenden Rassismus nicht deutlich genug. So beginnt die Stellungnahme mit den Worten die Karnevalsgesellschaft distanziere sich „ausdrücklich von jeglicher politischer[sic!] Ausrichtung“. Ein häufiger Irrglaube, dass nur, weil eine Äußerung von der/dem Sprecher*in nicht „politisch gemeint“ war, dass dieser Satz, die Aussage/das Gesprochene sozusagen im Nachgang „entpolitisieren“ würde. Was meint das Wort „politisch“ im Kontext der Stellungnahme überhaupt? Darauf wird nicht eingegangen, das müssen sich Lesende selber dazu denken.
Eine rassistische Äußerung ist niemals „nur ein Satz“ oder „nur ein Witz“, hinter so einer Äußerung stecken real erfahrene jahrhundertelange Diskriminierung und Verfolgung und somit auch reale politische Gegebenheiten und politische Geschichte, die dies überhaupt erst ermöglichten. Das heißt ein rassistischer Satz kann nicht unpolitisch sein, da er auf realen Denkgrundlagen fußt, die wiederrum auf Rassismus und den Ergebnissen von realer struktureller und institutioneller Diskriminierung beruhen. Also – nein, es ist nicht möglich sich im Nachgang von jeglicher politischen Ausrichtung zu distanzieren. Gleiches gilt für die Nutzung des Wortes „Stolz“ in Verbindung mit der rassistischen Fremdbezeichnung. Denn in Verbindung mit der rassistischen Fremdbezeichnung steht das Wort „Stolz“ als eine weitere Verstärkung der Geschichtsvergessenheit des Mottos und der Stellungnahme der Karnevalsgesellschaft. Dass diese sprachliche Verbindung bei vielen Menschen Empörung auslöste, ist kein Zufall. Nicht erst seit der Einführung des sogenannten „Stolzmonats“ der extremen Rechten als „Gegenprogramm“ zum Pride Month der Queer-Community, hat das Wort „Stolz“ im rechten und völkischen Gedankengut einen festen Platz. So nutzten auch die Nationalsozialist*innen in ihrer rassistischen Propaganda das Wort „Stolz“, um Menschen auszuschließen und Feindbilder und die Erzählung der sogenannten „Herrenrasse“ zu konstruieren.
In der Stellungnahme wird sich also weder zum Thema Bekämpfung von Antiziganismus solidarisch positioniert, noch sich klar von der rassistischen Aussage distanziert, sondern nur von einer vagen „politischen Ausrichtung“, die wie oben erwähnt, nicht weiter ausgeführt wird. Das ist uns als „Kompetenzstelle gegen Antiziganismus“ zu wenig. Wir fordern eine Reflektion seitens des Karneval-Vorstandes.
Außerdem verweisen wir auf die Möglichkeit zur Weiterbildung zum Thema Antiziganismus durch lokale Selbstorganisationen und Bildungsstätten wie Carmen e.V. oder den bundesweiten Kooperationsverbund gegen Antiziganismus, dem wir als Kompetenzstelle ebenfalls angehören.
Quellen:
https://www.deutsche-buehne1878.de/stellungname-karnevalsmotto-2026.htm
https://www1.wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet/karneval-dortmund-kritik-wagen-100.html