„Wir erinnern nicht genug an die Menschen, die damals von der NS-Justiz verurteilt worden sind. Beim Thema Entschädigung geht es deshalb nicht nur um Geld. Es geht vor allem darum, dass das Unrecht anerkannt wird. Es geht um Gerechtigkeit und Respekt. Es geht darum, wie wir heute leben.“
Mit diesen eindrücklichen Worten betonte Martina Staats, Leiterin der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel, warum das Erinnern an die NS-Verbrechen auch 81 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch wichtig ist. Am 11. April 2026 fanden anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des Strafgefängnisses und der Stadt Wolfenbüttel verschiedene Gedenkveranstaltungen statt. Über 40 Angehörige von in der NS-Zeit Inhaftierten oder Hingerichteten kamen aus Belgien, Polen, Norwegen, Tschechien und Deutschland zu diesem Anlass nach Wolfenbüttel.
Das Treffen startete mit der Besichtigung des ehemaligen Kreis- und Untersuchungsgefängnisses Rennelberg in Braunschweig. Hier saßen während der NS-Zeit die Frauen, die zum Tode verurteilt waren und im Strafgefängnis Wolfenbüttel hingerichtet wurden. Zum Tode verurteilte Militärangehörige, die im damaligen Wehrmachtsschießstand Buchhorst exekutiert wurden, verbrachten hier ihre letzten Tage.
Auf dem Städtischen Friedhof Wolfenbüttel fand am Gräberfeld 13a um 15 Uhr eine Gedenkveranstaltung statt. Bürgermeister Ivica Lukanic, der stellvertretende Landrat Uwe Schäfer und die Geschäftsführerin der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, Dr. Elke Gryglewski, betonten die Wichtigkeit des Erinnerns an die NS-Verbrechen und des Gedenkens an die Opfer. Nach der Kranzniederlegung hatten alle Anwesenden die Möglichkeit, Blumen am „Kubus der Erinnerung“ oder an den Grabsteinen auf dem Gräberfeld 13a niederzulegen.
Auch auf dem katholischen Friedhof wurde an die dort beerdigten Hingerichteten in einer Gedenkveranstaltung erinnert. Nach der Begrüßung der Anwesenden durch die Pfarrleiterin der Gemeinde St. Petrus, Christiane Kreiß und begleitender Einstimmung mit Saxophon von Markus Galonska, betonte Martina Staat in ihrer Rede den mutigen Widerstandskampf der Belgierinnen Fernande Volral und Marguerite Bervoets. Ihre Leben und ihre Taten seien eine Ermutigung, dass wir uns heute für Menschlichkeit, Menschenwürde und demokratische Werte einsetzen.
Am Sonntag, den 12. April, konnten die Familienangehörigen im ehemaligen Hinrichtungsgebäude in der JVA Wolfenbüttel nach einer stillen Kranzniederlegung durch Martina Staats, Dr. Elke Gryglewski und der Anstaltsleiterin der JVA, Dr. Tanja Köhler, Blumen und Kerzen für ihre Angehörigen niederlegen.
Im Strafgefängnis Wolfenbüttel waren zwischen 1933 und 1945 etwa 15.600 Männer inhaftiert. 526 Menschen wurden von November 1937 bis März 1945 in Wolfenbüttel hingerichtet, darunter waren 32 Frauen. Bei der Befreiung des Strafgefängnisses am 11. April 1945 waren die dort vorgefundenen Bedingungen so schlecht, dass in den amerikanischen Unterlagen mitunter vom „Lager“ Wolfenbüttel gesprochen wurde. Die Folgen von Haft oder Exekution ihrer Angehörigen tragen die nachfolgenden Generationen bis heute.
