Räumungstransporte aus Bergen-Belsen im April 1945: Situative Zwangsgemeinschaften und ihre Bedeutung für das Leben nach der Befreiung

Bearbeiter: Dr. Thomas Kubetzky

Projektbeschreibung
Räumungstransporte stellen ein prägendes Ereignis in der Endphase des Zweiten Weltkriegs und der Konzentrationslager dar. Noch einmal wurden Tausende Menschen in Züge gepfercht und auf tagelange Irrfahrten durch die noch von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebiete geschickt oder mussten unter extremen Bedingungen auf langwierigen Fußmärschen den Weg in das Reichsgebiet antreten. Dabei forderten die unmenschlichen Zustände auf den Transporten unzählige Opfer, die entlang der Transportrouten verscharrt wurden. Wer vor Erschöpfung und Krankheit nicht mehr weiter konnte, wurde von den begleitenden Wachmannschaften an Ort und Stelle erschossen. Ziel der nationalsozialistischen Machthaber war es, das Ausmaß der Verbrechen zu vertuschen und zu verhindern, dass die Gefangenen in die Hände der heranrückenden Alliierten fielen.

Auch vom „Austauschlager“ Bergen-Belsen gingen in den ersten Apriltagen des Jahres 1945 Transporte aus, deren Ziel das Ghetto Theresienstadt war. In diesem Teil des Konzentrationslagers Bergen-Belsen befanden sich als „Austauschjuden“ bezeichnete jüdische Personen, die beispielsweise Staatsangehörigkeiten neutraler Staaten (v.a. in Südamerika) besaßen und daher in der NS-Ideologie als „wertvoll“ galten, um sie ggf. gegen im Ausland internierte deutsche Staatsbürger auszutauschen oder für zu erwartende Verhandlungen mit den Alliierten ein Druckmittel in der Hand zu haben. Eine weitere Besonderheit dieser Gruppe von jüdischen Häftlingen ist, dass in vielen Fällen unter den Insassen familiäre Beziehungen bestanden; es handelte sich dabei etwa um Ehepartner, Eltern und deren Kinder, Geschwister oder Onkel und Tanten. Zudem bestand eine starke Gliederung nach nationalen Gruppen unter den Transportinsassen: So gab es beispielsweise größere Gruppen niederländischer, ungarischer oder griechischer Juden, die nun auf die Transporte verteilt wurden, nachdem sie innerhalb des Lagers in einzelnen Teillagern separiert gewesen waren.

Auf die drei Transportzüge waren insgesamt etwa 6700 Menschen verteilt. Nur einer dieser Züge erreichte nach einer mehrtägigen Irrfahrt zwischen den Fronten tatsächlich Theresienstadt. In ihm befanden sich ca. 1700 Personen, hauptsächlich ungarische Juden. Die anderen beiden Transporte wurden von amerikanischen Truppen am 13. April bei Farsleben (nördlich von Magdeburg) und am 23. April von sowjetischen Truppen bei Tröbitz (östlich von Torgau) befreit, nachdem die Begleitmannschaften geflohen waren. In dem in Tröbitz befreiten Transport befanden sich ca. 2700 jüdische Menschen aus etwa 12 Nationen, darunter viele Niederländer, Franzosen, Polen und Griechen. Auch in dem bei Farsleben befreiten Transport, in dem sich etwa 2500 Menschen befanden, waren mehrere Nationen vertreten.
Die oben genannten Besonderheiten der sich in den Transporten befindenden Häftlingsgruppen prägen nicht zuletzt auch die Erinnerungen der Beteiligten, da hier, so ist zu vermuten, entscheidende Gruppenerfahrungen eine Rolle spielen. Eine weitere Annahme besteht darin, dass eben diese Gruppenerfahrungen auch auf die individuelle und kollektive Identitäts- und Gemeinschaftsbildung der Überlebenden Einfluss ausüben und so zu einem herausragenden Element der Nachkriegsidentität der Beteiligten werden. Somit würden dann die in der Endphase der Konzentrationslagerhaft auf den Transporten und in der Zeit unmittelbar danach situativ gebildeten Zwangs- und Zufallsgemeinschaften in gewisser Weise fortbestehen.

Fragestellung
Für alle drei Transporte aus dem Austauschlager Bergen-Belsen gilt, bisher am Rande anderer Forschungsarbeiten zur Geschichte des Lagers Bergen-Belsen immer wieder mit in den Blick genommen worden zu sein, jedoch ohne im Mittelpunkt der Recherchen gestanden zu haben. Daraus resultiert insgesamt ein als ausnehmend disparat zu bezeichnender Kenntnisstand, so dass trotz der bereits geleisteten Vorarbeiten eine umfassende Untersuchung zu den Transporten in ihrer Gesamtheit als ein Desiderat der Forschung angesehen werden kann.

Dies gilt nicht nur für den unmittelbaren Zusammenhang der Transporte und der Befreiung, beispielsweise für die Fahrtstrecken sowie die Ereignisse vor und kurz nach der Befreiung. Die diesbezüglich leitenden Fragestellungen sind für diesen Aspekt: Welche Route nahmen die Transporte? Wie gestalteten sich die konkreten Bedingungen während der Transporte? Gab es während der Transporte eine Gemeinschaftsbildung der Insassen im Sinne situativer Zwangsgemeinschaften? Welche Informationen lassen sich über die Angehörigen der Transporte sammeln?

Bislang vernachlässigt wurden ebenso Fragen nach den Erfahrungen der Überlebenden in der Nachkriegszeit: Welchen Stellenwert nimmt die Transporterfahrung in der Erinnerung der Beteiligten ein? In welchem Bezug steht diese zur Befreiungserfahrung und zur Erinnerung an die Erlebnisse im Lager Bergen-Belsen? Welche Bedeutung hat die Transport- und Befreiungserfahrung insgesamt in der Erinnerungsbiographie der Überlebenden? Bestehen die auf den Transporten aus der Situation heraus geformten Zwangsgemeinschaften auch nach der Befreiung fort oder handelt es sich lediglich um kurzlebige Gruppen? Welche Rolle spielt überhaupt diese Gruppenerfahrung? Welchen Stellenwert nehmen die Transporte in den Erinnerungen der Beteiligten über den langen Zeitraum der fast sechzigjährigen Nachkriegsgeschichte ein, sind hier Konjunkturen, Brüche oder Verwerfungen zu erkennen?

Forschungsstand
Die Geschichte des Systems der Konzentrationslager ist ein seit vielen Jahren intensiv untersuchtes Teilgebiet der Erforschung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. So sind die verschiedensten Einzelaspekte der Konzentrationslagergeschichte sowohl in Überblicks- als auch in Einzelstudien beleuchtet worden. Zieht man die Vielfalt der behandelten Themenkomplexe in Betracht, so ist es umso auffälliger, dass bisher die Endphase der Konzentrationslager nur in wenigen Studien thematisiert worden ist. Zwar wird gerade die Endphase des nationalsozialistischen Konzentrationslagersystems in letzter Zeit zunehmend als ein eigenständiges Forschungsfeld abgesteckt, doch vor allem das Thema der Räumungstransporte ist bisher wenig erforscht. Obwohl in den letzten Jahren einige zumeist kürzere Studien zu solchen Transporten aus einzelnen Konzentrationslagern erschienen sind, ist der Kenntnisstand insgesamt betrachtet noch eher dürftig. Dies gilt auch für die Transporte aus Bergen-Belsen; der Wissenstand ist hier wie oben bereits angedeutet sehr disparat. Mit dem beantragten Projekt sollen die drei Transporte nun erstmals intensiver und umfassender als bisher untersucht werden, um nicht zuletzt die Kenntnisstände zu allen drei Transporten anzugleichen.

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